Mittwoch, 27. Mai 2009

Der Weg zur Hyperinflation 1914-1923

Nachdem in den Köpfen in vieler Bekannter, Kollegen und Anleger die Angst vor Hyperinflation herumspukt und immer wieder die aktuelle Situation mit jener von 1929 verglichen wird, möchte ich in den nächsten Postings den geschichtlichen Werdegang der letzten Hyperinflation in Deutschland aufarbeiten. Danach kann jeder entscheiden, ob er aktuell ein ähnliches Szenario sieht und die Konsequenzen einer Hyperinflation fertigdenken, bevor derartige Meinungen verbreitet werden.

1. Hyperinflation gab es in der Zeit von 1914-1923. In der Zeit während und nach dem 1. Weltkrieg.

In der Zeit des ersten Weltkriegs wurden viele Rohstoffe knapp. So setzte die Reichsregierung im Jänner 1916 Höchstpreise für Fleisch, Fett und Brot. fest. Die Preisfestlegung sollte verhindern, dass bei dem knappen Angebot die Preise klettern. Ärmere Bevölkerungsschichten könnten sonst die ihnen zustehenden Lebensmittelrationen nicht mehr kaufen. Dennoch nimmt die Hamsterwirtschaft zu: "In einzelnen Familien sollen 40 bis 50 Kilo Butter gehortet werden."
Ab Februar 1916 gibt es auch kein Frischfleisch mehr zu kaufen. Angesichts der hohen Preise, die für Schlachtvieh erzielt wurden, und auch wegen des rapiden Preisanstiegs für Futtermittel haben die Bauern Ende 1915 über 50% mehr Vieh geschlachtet als zur gleichen Zeit vor dem Krieg.
Ab April 1917 produziert die gesamte Wirtschaft für den Krieg. Für den privaten Gebrauch darf nur in wenigen Ausnahmefällen produziert werden. Die Kinder laufen mit Frühjahrsbeginn vielfach barfuss umher.
Im August 1919 verzeichnet Europa 15 Millionen Arbeitslose, angesichts der erwarteten Ernteerträge werden 100 Millionen Menschen nicht ausreichend ernährt werden können. Zu dem Zeitpunkt lebten in Europa ca. 340 Mio. Menschen.
Im nebenstehenden Chart werden die Arbeitslosen in Mio. der Weimarer Republik abgebildet (Quelle: http://www.lawrenceglatz.com/germ2120/weimar.htm).


Jänner 1921 legen die Allierten auf einer Konferenz in Paris die Höhe der Reparations-zahlungen auf 226 Mrd. Mark, zahlbar in 42 Jahresraten, fest. Beim Stand aktuellen des Währungsverfalls erhöht sich diese Summe auf 3000 Mrd. Papiermark. (In 100 Markscheinen könnte damit die Erde 200mal umspannt werden).
Juli 1922 beschleunigt sich die Inflation durch inflatorische Kreditpolitik der Reichsbank und die Reparationen schlagartig. Am 2. August steht der Dollarkurs bei 860 Mark, am Monatsende beträgt er bereits 1990 Mark. Die internationale Börse antwortet auf alle Ratenzahlungen Deutschlands mit sofortiger Verschlechterung des Wechselkurses.
Am 5. Juni 1923 gesteht Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein die Aussichtslosigkeit der Markstützung ein. Der Wechselkurs hat sich vorübergehend bei 20 000 Dollar eingependelt. Nur mehr ein Siebtel der Staatsausgaben lassen sich durch Einnahmen decken. Die Preise laufen den Löhnen davon, Hunger und Not brechen im Reich aus. In Sachsen gibt es die ersten Teuerungsunruhen. Angst vor Bürgerkrieg macht sich breit. Die Ehefrauen warten vor den Werkstoren auf das Geld, um sofort einkaufen zu können, da die Preise stündlich steigen. Eine Folge von Inflation ist die Abwanderung von Ärzten.
Oktober 1923. Die Rentenmark wird zusätzlich zur Papiermark eingeführt. Die Ausgabe ist auf 2,4 Mrd. Rentenmark in Noten beschränkt, um ihr das gleiche Schicksal wie das der Papiermark zu ersparen. Gedeckt wird die Rentenmark durch Hypotheken auf Grundbesitz, Industrie, Handel und Banken.
15. November 1923. Die letzten Tage vor der Währungsreform. Die Preise wechseln nahezu stündlich, Briefmarken werden ohne Aufdruck hergestellt und die Beamten schreiben den gerade gültigen Stand per Hand ein. Am 1. November kostet ein halbes Kilo Brot 260 Mrd. Mark, ein halbes Kilo Zucker 250 Mrd., ein halbes Kilo Fleisch 3,2 Billionen Mark. Der Tageslohn eines gelernten Arbeiters in Berlin 3 Billionen Mark.
Am 20. November 1923 wird der Dollarkurs mit 4,2 Billionen Papiermark festgesetzt. Am Schwarzmarkt steiet er allerdings noch bis zur letzten Novemberwoche weiter auf 12 Billionen Mark. Das Umtauschverhältnis in die neue Währung wird mit einer Billion Papiermark für 1 Goldmark oder 1 Rentenmark festgesetzt.


Quelle: Chronik des 20. Jahrhunderts, Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1996

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich sehr interessanter Artikel. Ich habe mich jüngst mit demselben Thema beschäftig. Es stellte sich mir die Frage ob eine hohe Inflation (Hyperinflation) oder eine Deflation schlimmer ist. Betrachtet man die Inflation, so wird man schnell feststellen, dass ein gewisses Maß für die Wirtschaft gesund ist. Steigt diese jedoch über eine gewisse Höhe (Hyperinflation) so ist sie immens bedrohlich. In einer gesunden Wirtschaft wird es immer Konjunkturzyklen geben. Je nach Zyklus herrscht entweder eine Inflation oder Deflation vor. Erst der Eingriff seitens der Staaten / Zentralbanken mithilfe der Geldpolitik führt zum ausufern beider Seiten. Die Ursache für eine hohe Inflation (Hyperinflation) wird immer in der Geldpolitik gelegt. Eine normale und gesunde Deflationsphase (Wirtschaftsabschwung) wird in der Regel nicht zugelassen. Die Zentralbanken versuchen diese Phase mit der Geldpolitik zu umgehen. Die daraus resultierende expansive Geldpolitik stellt die Grundlage für eine Hyperinflation dar. Einer sehr hohen Inflationsphase geht somit meist eine Deflationsphase voraus, auch wenn diese durch die expansive Geldpolitik oftmals nicht zu sehen ist. Ob eine jetzt Deflationsphase oder eine hohe Inflationsphase schlimmer ist, kann meiner Meinung nicht eindeutig beantwortet werden. Bei einer Hyperinflation kann ein Neustart (in der Regel ein Währungsneustart) schneller vonstattengehen. Die Auswirkungen finden hierbei in einem sehr kurzen Zeitfenster statt. Das Endergebnis einer Deflation ist meist nichts anderes ... jedoch wird der Crash in der Regel nach hinten verschoben …

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