Freitag, 14. Mai 2010

Gastkommentar: Rettungspakete

von Henrik Voigt

Liebe Leser,

eine neue Krankheit geht auf der Welt um. Nennen wir sie „metastasierende Rettungswut". Das jüngste Opfer: Die EU-Staaten. Gerettet wird alles, was irgendwie absturzgefährdet, aber gleichzeitig auch „systemrelevant" ist. Sie und ich gehören leider nicht dazu, auch wenn unser Geld dafür ungefragt verwendet wird. Vor eineinhalb Jahren waren es die Banken. Gutherzig sprang ihnen der Staat zur Seite und übernahm ihre Schrottanleihen in die eigene Bilanz. Dummerweise gingen daran einige Staaten zugrunde. Aber egal, denn die haben jetzt ihr eigenes Rettungspaket. 750 Milliarden Euro schwer, Millionen reichen ja schon lange nicht mehr. Das Geld gibt es nicht wirklich. Es sind auch nur wieder neue Schulden. Aber das ist jetzt erst einmal egal. Denn jetzt wird gerettet. Und das kann dauern.

Das wäre auch noch schöner, dass dieser Markt macht was er will und einfach so fällt. Ja leben wir vielleicht in einer Marktwirtschaft? Da sind doch sicher wieder diese Spekulanten Schuld, die gleich jede kleine Schuldenorgie unserer kompetenzschwangeren Polit-Elite für sich ausnutzen wollen. Wenn der Markt keine dieser Schrott-Staatsanleihen mehr kaufen will, dann kaufen sie eben die Zentralbanken selbst. Linke Tasche, rechte Tasche heißt das Spiel, glaube ich. Bei einem normalen Unternehmen würde ein ähnliches Vorgehen als Bilanzbetrug geahndet werden. Wie gut, wenn man über allen ökonomischen Gesetzen steht, nicht wahr?

Sie merken es sicher schon: Wenn ich sarkastisch werde, dann ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Nicht nur, dass hier wieder einmal der ganz große Wirtschafts-Blödsinn verzapft wird und dass wir Deutschen ganz oben auf der Liste der größten Zahlmeister stehen (ob Deutschland tatsächlich zusätzliche Garantien für Portugal, Spanien oder auch Italien in Höhe von 123 Milliarden (!) - wie es Sonntag Nacht beschlossen wurde - bereitstellen kann, scheint übrigens mehr als fraglich). Auch die Tatsache, dass über ein Jahr nachdem die (Banken-)Welt angeblich gerettet wurde wieder neue milliardenschwere Pakete nötig sind, lässt tief blicken. Nein, auch der begleitende Ton gefällt mir überhaupt nicht. Zu sehr erinnern mich die Kommentare einiger Politiker („die Spekulanten sind Schuld") an unselige kommunistische Zeiten. Wer die DDR-Propaganda noch kennt, möge in den einschlägigen Parolen einfach Begriffe wie „Konterrevolutionär" gegen „Spekulant" und „Fünfjahrplan" gegen „Rettungspaket" austauschen. Dann sind wir nahe am jetzigen Wortlaut und (Un)-sinn.

Ich dachte immer, Märkte seien langfristig effizient, Preise würden über Angebot und Nachfrage aufgrund fundamentaler und charttechnischer Überlegungen der Marktteilnehmer gebildet und Kurse würden ungefähr die Verfassung des zugrundeliegenden Basiswertes widerspiegeln (von temporären Übertreibungen mal abgesehen). Jetzt wird von den Herren in schwarz aber neuerdings nach guten und bösen Spekulanten unterschieden. Die „bösen" setzen wohl auf fallende Kurse, die die Gefahr bergen, das Missstände offensichtlich werden. Wenn jetzt bestimmte Marktteilnehmer regelrecht kriminalisiert werden, um von schwersten politischen und wirtschaftlichen Fehlern abzulenken, dann ist dies höchst bedenklich und nicht im Geringsten tolerierbar. Wenn Politiker darüber hinaus selbst „Markt" spielen, geht das in aller Regel schief. Die extreme Volatilität am Aktienmarkt ist die erste unmittelbare Folge davon. Das Einzige, was hier wirklich gerettet werden muss, ist die Marktwirtschaft, der Kapitalismus selbst. Und genau den sehe ich in höchstem Maße bedroht.

Quelle: Dax daily

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