Freitag, 4. Juni 2010

Gastkommentar: Staatspleiten seit Jahrhunderten gang und gäbe

Gastkommentar aus www.foonds.com:

Griechenland steht nicht das erste Mal vor einem finanziellen Engpass. Mit Zahlungsschwierigkeiten und Staatsbankrotten haben Regierungsverantwortliche schon Jahrhunderte lang zu kämpfen. Als "Prominente Insolvente" im Mittelalter und der frühen Neuzeit listet die Schoellerbank in einem Analysebrief England und Spanien auf. Auch im 20. Jahrhundert gab es Staatspleiten oder Beinahe-Pleiten in Europa. Deutschland etwa war beispielsweise zuletzt 1923 zahlungsunfähig, die Griechen insgesamt schon mindestens sechsmal.


Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen in Europa stellten sich die Analysten die Frage, ob es sich um ein neues Phänomen in der Region handelt oder in der Historie bereits ähnliche Probleme aufgetreten sind. Dabei wurden sie rasch fündig:

Zum ersten dokumentierten Staatsbankrott kam es im 4. Jahrhundert vor Christus: Damals konnten griechische Stadtstaaten Gelder, die ihnen ein Tempel geliehen hatte, nicht mehr zurückzahlen. In den letzten 200 Jahren hat Griechenland weitere fünf Pleiten erlebt.

Russland
war in dieser Zeitleiste ebenfalls fünfmal zahlungsunfähig, heißt es in der Rückschau. In der Türkei und Portugal stehen den Recherchen der Schoeller-Banker sechs, in Ungarn sieben, in Deutschland acht und in Spanien sogar dreizehn derartige Ereignisse zu Buche.


Prominente Insolvente im Mittelalter und der frühen Neuzeit: England und Spanien. Die englische Krone sorgte für den ersten großen Staatsbankrott in Europa. 1340 konnte nach einer gescheiterten Frankreich-Invasion der englische König Edward III. seine Schulden bei diversen italienischen Bankiers nicht mehr tilgen. 1672 stellte auch Karl II. wegen der enormen Außenstände die Zahlungen an die Gläubiger ein.

Spanien hatte im 16. und 17. Jahrhundert durchgängig ein mehr oder weniger großes Finanzproblem. Die Zahlungen an Gläubiger wurden in diesem Zeitraum neunmal ganz oder teilweise eingestellt.

Generell halten die Experten fest, dass sich Staaten in der Neuzeit immer wieder hoch verschuldet haben. In erster Linie dienten diese Defizite als Kriegsfinanzierung oder für das aufwändige Leben des Herrschers. Auch im 20. Jahrhundert gab es prominente Beispiele: Deutschland war beispielsweise 1923 zahlungsunfähig. Grund: Hohe Reparationszahlungen nach dem 1. Weltkrieg sowie ungenügende Besteuerung - höhere Einkommensschichten weigerten sich, die ihnen auferlegten Steuern zu bezahlen - und übermäßige Ausgaben für den öffentlichen Dienst. Dies mündete in einer galoppierenden Inflation. Als Notlösung kam es zur "Rentenmark". Wie bei jeder Geldentwertung profitierten auch damals grundsätzlich die Schuldner, während die Sparer fast vollständig auf der Strecke blieben.


Im Zuge der Asienkrise 1997 kam Russland in Bedrängnis. Der stark gefallene Ölpreis brachte die Staatseinnahmen unter Druck. Die Auswirkungen der Asienkrise ließen Anleger damals fürchten, dass sich die Lage in Russland ähnlich entwickeln könnte wie in den Problemzonen Thailand, Malaysia, Indonesien und den Philippinen. Daraufhin kam es zu einem gewaltigen Kapitalabfluss, Russland konnte mehr als 40 Mrd. US-Dollar (32 Mrd. Euro) Schulden nicht mehr bedienen - der Rubel wurde um über 70 Prozent abgewertet.

Argentinien gilt als Paradebeispiel dafür, wie ein Land durch Missmanagement in Schwierigkeiten kommen kann. Noch 1913 gehörte das Land zu den zehn reichsten Ländern der Welt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Wirtschaft zeitweise schneller gewachsen als in den USA oder Deutschland. Ab 1945 hinkte Argentinien vielen anderen Ländern hinterher. Hauptgrund war die fast stetig hohe, hausgemachte Inflation von 1945 bis 1990 mit ihrem Höhepunkt von 5.000 Prozent im Jahr 1989. Letztlich lief die Inflation ganz aus dem Ruder und der Staat kam im April 1989 aufgrund fehlender Papierreserven mit dem Druck von Banknoten nicht mehr nach. 1991 gab es in Argentinien die sechste Währungsreform innerhalb von 100 Jahren. Letztlich mussten sich die Gläubiger mit einem Teil ihrer Vermögen begnügen. ("Haircut").

Die Banker der Schoellerbank ziehen für heutige Anleger (z.B. in Staatspapieren) folgendes Fazit: Übermäßige Auslandsverschuldung führt zu Problemen und zu Vertrauensverlust, bei dem Gläubiger irgendwann zur Erkenntnis kamen, dass die angehäuften Schulden nicht mehr vollständig rückzahlbar sind. Historisch war die Zinsbelastung für einen Staatshaushalt immer relevant. Zur Bonitätsschätzung müssen sowohl die Schulden als auch Assets (z.B. Devisenreserven) unter die Lupe genommen werden. Wichtiger als die Gesamt-Einnahmen eines Staates seien die Steuereinnahmen. "Historisch verhält es sich so, dass es Regierungen in etwa ab einer Zinsbelastung ab 25 Prozent der Steuereinnahmen schwer haben, ein vernünftiges Budget aufzustellen." Ab einem Wert von 90 Prozent des BIP aus dem Saldo der Verschuldung und den Financial Assets wachsen die Risiken enorm an. Anleger müssten künftig jeden einzelnen Schuldner genauestens durchleuchten (auch die von den Ratingagenturen als erstklassig eingestuften). Auch die Kapitalbindungsdauer bei Anleihen sei "tendenziell eher zu verkürzen."


Griechenland etwa habe die "Zinsbelastungsgrenze" bereits überschritten. Bezüglich Gesamtverschuldung baue sich in Italien ein Problem auf.

Quelle: www.foonds.com

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